Das Mähen mit der Sense, mit Kopf- Herz und Hand

Sinclair Thiersch, Sensenlehrer im Deutschen Sensenverein

Mit der gut geschärften Sense mähend unterwegs zu sein ist ein besonderes Erlebnis. Stück um
Stück, Schnitt für Schnitt, das Gras schneidend, das mit einem leichten Schneidgeräusch, wie
mühelos geschnitten und im Bogen zu einem geformten Schwad sich findet. So mähe ich.
Dabei bin ich mit allen Sinnen beteiligt, ich rieche die Erde-, stelle fest ob sie feucht oder trocken
ist. Ich sehe die Blüten ich empfinde den Duft von Blumen Gräsern und Kräutern. Die Witterung,
das Wetter, die Lichtverhältnisse, die Stunde des Tages, kommen dazu und ergänzen den Eindruck.
Ist es eine landwirtschaflich genutzte Wiese, habe Tieren dort geweidet-, ist dort schon gemäht
worden? Ist es ein Acker oder ist es eine Natur Wiese, die mit wildem Wachstum, Brennesseln,
Dornen wie Brombeeren, bewachsen ist, meine Mäharbeit herausfordernd? Oder eine blühende
Bergwiese, die Insekten fliegen noch während der Mahd, die gefällten Blüten suchend. Die als
duftendes Heu in die Scheune geht, welches im Winter dem wiederkäuenden Tier einen Traum von
vergangenen Sommer bringt.

In der Literatur sei hier auf das Erlebnis des Gutsherren Lewin gewiesen, der beim Mähen mit
seinen Bauern sich selbst neu erlebt.1
Der Name Sense knüpft etymologisch an Sensus, Wahrnehmen und voran Schreiten durch die
Sinne. 2
Die Bewegung des Mähens wird in zwei Teilen ausgeführt: Als Bewegung- von mir, mit dem
Öffnen der Sense, ausholend in einer halbkreisförmigen Bewegung, mit dem Rücken des
Sensenblattes die Stengel des stehende Grases anstreifend ertastend. Sodann, als Bewegung- zu mir,
halbkreisförmig- den ziehenden Schnitt ausführend über die vorher ertasteten Gräser, das
geschnittene Gras neben mir ablegend.
Diese Bewegung als „Öffnen und Schließen“ knüpft an die Bewegung des menschlichen Herzens
an. Thomas von Aquin beschreibt diese Bewegung wie folgt: Zwei Bewegungen die einander
entgegengesetzt erscheinen, sind gleichsam Teile einer Bewegung, denn die Bewegung des Herzens
bleibt hinter der Einfachheit der Kreisbewegung zurück, die sie dennoch nachahmt..3
Das menschliche Herz gibt den Takt meiner Bewegung beim Mähen vor.
In Bezug auf das Mähen, so, dass durch die Bewegung des Mähens der Mensch, sich mit dem
Lebendigen der Erde, dem Erdorganismus verbindet; in Übereinstimmung mit den Rhythmen und
Gesetzen des Lebens, einbeziehend die eigene Bewegtheit des Herzens, als Teil des Großen Ganzen
unserer Erde- und des weiteren Umkreises/ Kosmos der sich im Lebendigen abbildet.
In meinem Bewusstsein, über diese Vorgänge, lebt mein Ich und ist der Impulsgeber. So darf ich
sagen, dass eine erfüllte Mäharbeit ein Vorgang ist der mit Kopf- Herz und Hand vollzogen wird.
Die Hand sei hier auch so verstanden, das sie als Organ des Kopfes das Denken vermittelt. Das
Kind lernt zu denken in dem es die Dinge be-greift.
Der Philosoph Hegel bringt es so zum Ausdruck: ..dass nichts gewusst wird was nicht Teil einer
Erfahrung ist oder als gefühlte Wahrheit vorhanden ist. Nach Aristoteles sind Gedachtes und
Gedanken Eines, das bedeutet das Denken nicht nur abbildet- sondern konstituieren/bilden kann!
Das Werk der Natur ist das Werk der Intelligenz 4
Das ist, was wir als Mähende ausführen: wir nehmen die Natur mit allen Sinnen wahr, wir sehen
die Pflanzen und Tiere im Bereich unserer Tätigkeit, wir verstehen die Wiese als Biotop, als Teil
eines Großen-Ganzen des Erdorganismus, zu dem wir selbst einen Beitrag leisten und zu dem wir
uns als zugehörig erleben. Durch die Mahd geschieht ein Verjüngungs-Prozess, ein neuer Aufwuchs
wird möglich.
Das Mähen der Wiese, die Gestaltung der Landschaft, sind pflegende Elemente des Erdorganismus.
Das bedeutet, dass das alte Symbol des todbringenden Schnitters oder Sensenmannes, einen neuen
Inhalt erfährt, der als lebensfördernd- lebenserhaltend, verstanden wird.

1Leo Tolstoi, Anna Karenina, Lewin: Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird
zweifellos zu Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen.. Mitten in der Arbeit
überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz
und in diesen Augenblicken fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei
Tit..Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige Augenblicke….bist du, wie ich
sehe, mit deinem Tag zufrieden.?
»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für einem Alten habe ich dort
Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das nicht vorstellen, – eine Pracht!«

2 In der Scholastik, etwa für Thomas v. Aquin, ist – eine Fortbildung von „De anima“(der Seele) – der
Sensus communis die gemeinsame Wurzel der äußeren Sinne, bzw. das sie kombinierende
Vermögen, das über das Gegebene urteilt, eine allen Menschen mitgegebene Fähigkeit.
3 Klünker, Thomas v. Aquin, Über die Einheit des Geistes, Über die Bewegung des Herzens: S 110
4 frommann-holzboog, Stuttgart 202