Wir haben hier auf der Umkreis-Seite schon über einige Projekte (von uns) geschrieben, die alle in den letzten Jahren 20 Jahre alt geworden sind. Die BBG ist im engeren Sinn kein Projekt des Umkreis e.V., sondern des Tandem e.V. der es vor 20 Jahren gestartet hat. Im Rahmen der GESO habe ich mit Jan Kruse an der Transformation des Projektes mitgearbeitet. Gestern war ich als Gast und ehemals Mitwirkender beim Jubiläum der Bremervörder Beschäftigungsgesellschaft, kurz BBG genannt. Dadurch, dass ich seit 2023 nicht mehr in Verantwortung für die verschiedenen Projekte der GESO bin, konnte ich gestern mit einer sehr ‚freien‘ und ‚offenen‘ Haltung und Wahrnehmung Gast sein. Meine Perspektive ist insofern nur eine ganz spezifische auf diese Feier.

Interne Feier mit den Mitarbeitenden. Sitzend Hubert Riggers, stehend Andreas von Glahn
Die BBG ist ursprünglich ein Projekt des Tandem e.V. (Mitgesellschafter der GESO). Andreas von Glahn hat vor 20 Jahren mit Hubert Riggers eine Kooperation gestartet, um Menschen ohne Arbeit Beschäftigung und Förderung zu ermöglichen. Hubert war damals mit einem Gebrauchtmöbelhandel selbständig und ist mit seinem Geschäft dann in die Innenstadt gezogen. Zu Beginn haben Menschen einfach dort mitgearbeitet, gewissermaßen ehrenamtlich. Nach der Gründung der BBG gGmbH konnten sie das dann in vielfältiger Weise tun, in einer Maßnahme, als Ein-Euro Jobber, als Flüchtlinge, oder weiter auf Ehrenamtsbasis. Es kamen neben den Gebrauchtmöbeln, noch andere Arbeitsbereiche hinzu, Kleidung, Fahrräder, Bücher, eine Wohnmobilstation, das Projekt ‚Eigenart‘ und vieles mehr.

Öffentliche Feier abends in der Kulturbühne im Möbelmarkt mit Musik und Ansprachen.
Die GESO, und damit auch Jan Kruse und ich bekamen ab 2017 mit dem Projekt zu tun, weil damals die Existenz durch das Auslaufen bestimmter Maßnahmen gefährdet war. Wir haben dann gemeinsam mit den Mitarbeitern und der Unterstützung durch Aktion Mensch die BBG zu einem Zuverdienstbetrieb für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen weiterentwickelt. Damals eine relativ neue Form der Beschäftigung für diese Menschen. Es bedeutet, dass man sehr flexibel und sehr niederschwellig, im Unterschied zu anderen Hilfen, mit einer Beschäftigung starten kann. (Inzwischen gibt es dafür eine Regelfinanzierung durch das Land) Es brauchte nur eine geringe Stundenzahl von mindestens 2 Stunden damals (heute sind es drei). Die BBG ist dann letztes Jahr auch ganz in die GESO übergegangen, bleibt aber ein eigenständiges Projekt mit ganz eigenem Profil. Denn trotz der Schaffung des Zuverdienstbetriebes, blieb die BBG Anlaufstelle und ‚Zuflucht‘ (wie Andreas es gestern nannte) für Menschen mit Problemen und Fähigkeiten jeder Art. Und diese Offenheit zeichnet die BBG bis heute aus. Das verwirrt so manchen Profi oder Behördenmitarbeiter. Was ist das jetzt hier, eine WfbM, ein Zuverdienstbetrieb, oder Ehrenamtlichenbeschäftigung usw.? fragt sich so mancher Profi. Tatsache ist, dass nur diese Offenheit für sehr überraschende und nicht prognostizierte Entwicklungen sorgt. Einige Beispiele seien hier genannt. Wir hatten in der Tagesstätte Quab in Zeven einen Teilnehmer aus Bremervörde, der es nicht schaffte regelmäßig dort zu sein, in der BBG ist er jeden Tag und hat dort seinen Arbeitsplatz und seine Möglichkeit Gemeinschaft zu erfahren und das jetzt seit einigen Jahren. Das ganze wird über ein Persönliches Budget finanziert. Ein anderer Mensch, der sowohl in der WfbM der Lebenshilfe, wie auch auf dem Gärtnerhof Badenstedt nicht dauerhaft ‚ankommen‘ konnte, hat hier als WfbM Beschäftigter einen sogenannten Außenarbeitsplatz und kommt regelmäßig, und man merkt, ich saß gestern beim Essen neben ihm, er gehört hier dazu und empfindet das auch so!

Frollein Motte aus Hamburg
Es hat sich inzwischen, also nach 20 Jahren, ein wirklich ‚reifer‘ menschlicher und sachlicher Lebensort und Lebenszusammenhang entwickelt, der für die Stadt Bremervörde ein echtes ‚Juwel‘ ist (was gestern auch der Bürgermeister explizit immer wieder ausgesprochen hat) und für die Menschen, die sich dort finden konnten ein realer Schicksalszusammenhang miteinander (keine Einrichtung). Das die BBG trotz ihrer Einbindung in Eingliederungshife und Job-Center und andere formale Strukturen ein solch lebendiger Ort geblieben und immer mehr geworden ist hängt mit vielem zusammen. Unter anderem ist hier zu nennen, das im Möbelmarkt nicht nur gebrauchte Möbel verkauft werden, sondern dort auch Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden (Kulturbühne). Alleine diese Veranstaltungen ’sprengen‘ regelmäßig alle normalen Arbeitsstrukturen. Das ist anstrengend und belastend für alle Beteiligten und Mitarbeitenden, aber es wäre, so glaube ich viel anstrengender (auf andere Art), wenn die BBG zu einer normalen Einrichtung würde, in der ‚Klienten‘ (nur) professionell ‚betreut‘ würden.
Natürlich gibt es dort ein Team von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, angestellte und ehrenamtliche in allen möglichen Formen, es gibt viele Freunde und Unterstützer des Projektes, aber Motor, Geist und Seele des Ganzen ist natürlich der Gründer Andreas von Glahn. Man könnte vielleicht sagen, dieses Projekt, und es befindet sich noch in Entwicklung, ist genau das, wie er sich ’soziale Arbeit‘ vorstellt. Dieses Projekt lebt durch ihn bis in die Wahrnehmung der einzelnen Menschen hinein. Und dieses Erleben sich wirklich wahrgenommen zu fühlen ist ein absolut entscheidendes Wirkmoment dieses Ortes. Und umgekehrt kann es nur wirken, dadurch dass sich die Mitarbeiter frei fühlen und frei wirken können in der weiteren Entwicklung des Projektes.
Diese Konstruktion der BBG sorgt natürlich immer wieder auch für Fragilität. Nicht ist sicher, alles kann immer wieder schnell existentiell werden. Aber auch diese Existentialität ist ein wichtiges Merkmal der dort sich vollziehenden Entwicklung aller Beteiligten: Es geht um etwas! Ich habe dieses Projekt einige Jahren (hinter den Kulissen) begleiten und unterstützen können und wir haben immer wieder diese ‚Fragilität‘ und die damit verbundenen Belastungen diskutiert. Aber es wäre schade, wenn es ein solches Projekt nicht mehr geben würde. Denn die Menschen, die dort jetzt einen Ort gefunden haben, an dem sie tätig sein können und als Menschen wahrgenommen werden in ihrer manchmal schwierigen Lebenssituation, hätten dann keine ‚Zuflucht‘ mehr. Etwas allgemein formuliert, unsere Gesellschaft mag vielleicht auch soziale Ungerechtigkeiten aufweisen, die man politisch und strukturell angehen muss, aber das was viel wesentlicher ist, dass Menschen nicht mehr wahrgenommen, ernst genommen und in die Lage versetzt werden so tätig zu sein, wie sie können. Das ist aber nicht (nur) durch Gesetze und Einrichtungen zu erreichen, sondern durch einzelne Menschen, die diese Frage der ‚Menschlichkeit‘ existentiell selbst ernst nehmen.

Michael Hannebacher, Bürgermeister von Bremervörde
Mein gestriger Eindruck war, auch dieses Projekt hat die Entwicklung der 20 Jahre gebraucht, um jetzt eine gewisse ‚Reife‘ auszustrahlen. Eine Reife, die nur entstehen kann, wenn Menschen kontinuierlich und verbindlich ihrer ‚Aufgabe‘ treu bleiben. Diese Reife zeigt sich auch in der Lockerheit der Beteiligten – bis hin zum Bürgermeister, der sehr humorvoll und liebevoll locker seine Gratulation rüberbrachte! (Da gab es auch schon andere Zeiten). Ab Februar 2026 wird auch ein junger Sozialarbeiter dort die Leitung des Projektes übernehmen, so dass auch die Zukunft zumindest erstmal gesichert erscheint!
Der Umkreis e.V. als Gesellschafter der GESO und damit der BBG freut sich über dieses Projekt und gratuliert zum Geburtstag! (Und ich freue mich auch ganz persönlich, dass wir es gemeinsam geschafft haben das ‚Kind‘ erwachsen zu bekommen).
Roland Wiese (Text und Fotos) 27.9.2025
